St. Otto, April 2026
„Mit dem Wind“...
… durch den Frühling geradelt und eine ungelöste, hochkomplexe Frage gewälzt. Da kommen Sie jetzt nicht drum herum. Geteiltes Leid ist ja bekanntlich halbes Leid. Also schnell noch ein Glas Orangensaft oder ein kräftigendes Müsli konsumiert und dann geht’s schon los.
Gestern lag die neue Ausgabe meines Radsportmagazins im Briefkasten. Im Leitartikel ging es mal wieder um das sogenannte Intervalltraining. Sie fragen sich, was das ist? Ganz einfach: Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Bekannten besuchen, der im elften Stock eines Hochhauses wohnt, und der Fahrstuhl ist kaputt. Also nehmen Sie notgedrungen die Treppe. Nach vier Stockwerken ist aber erst mal eine Verschnaufpause angesagt. Puh! Verdammt anstrengend, das Treppensteigen! Die nächste Pause ist im siebten Stockwerk fällig und eine weitere im zehnten. Wenn Sie dann - trotz der Pausen - außer Atem endlich in der elften Etage angekommen sind, haben Sie ganz ungeplant ein klassisches Intervalltraining absolviert. Anstrengung und Pause. Puls auf 170 und dann – auf den Treppenabsätzen – wieder runter auf 100 Schläge.
Auf dem Rad wäre das der Wechsel zwischen Sprints über mehrere Minuten – am besten noch mit Gegenwind und einer ordentlichen Steigung – und Erholungspausen, in denen man es einfach rollen lässt. Das Ganze wird wiederholt, bis die Luft raus ist und die Pause nicht mehr ausreicht, die Sauerstoffschuld des Körpers auszugleichen.
So weit, so gut. Aber was ist denn jetzt das Intervall? Der Sprint mit Puls, oder die unerlässliche Verschnaufpause danach? Meine Frau, die Musikerin ist, versteht mein Problem nicht. „Ein Intervall ist der Abstand zwischen zwei Tönen“, erklärt sie mir.
Aha. Meint sie damit vielleicht den Abstand zwischen zwei hyperventilierenden Hechlern nach einem sportlichen Sprint? Wohl eher nicht.
Versuche ich, die Erklärung meiner Frau in meine Intervall-Realität zu übertragen, dann stehe ich vor einem Problem. Wenn nämlich die Töne die kurzen Sprints wären, dann müsste das Intervall die Pause dazwischen sein. Nimmt man stattdessen die Erholungsphasen als Töne (also das laute Keuchen nach der Anstrengung), dann wäre das Intervall der vorangegangene Sprint. Was stimmt denn nun?
Während ich meine gemütliche Fahrt zwischen frisch bestellten Feldern fortsetze, stolpert eine meiner Hirnwindungen über den merkwürdigen Begriff des „Intervallfastens“. Auch so ein Ding. Sind die Intervalle beim gleichnamigen Fastenprogramm die Zeiten zwischen den Mahlzeiten? Dann würde ein entsprechendes Training beinhalte, dass diese Fastenperioden immer weiter ausgedehnt werden? Was für eine Horrorvorstellung! Oder bedeutet ein Intervalltraining beim Fasten die Nahrungsaufnahme bei den Mahlzeiten nach und nach zu steigern. Da wäre ich sofort dabei!
Schwierig, schwierig, die Sache mit diesen Intervallen. Verzweifelt suche ich nach einem weiteren Beispiel aus der Praxis und lande dabei unversehens im Kloster. Der klösterliche Tagesablauf ist genaugenommen durch eine Art „Intervallbeten“ geregelt. Vigil, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet – je nach Kongregation ist der Tagesablauf durch mehr oder weniger häufige Bet- und Andachtszeiten also klar strukturiert. Ob die Ordensangehörigen allerdings die Zeit zwischen den Gebeten zum Verschnaufen benötigen, oder aber die Gebete die Entspannungsphasen im Verlauf des Tages darstellen? Ich weiß es nicht.
Das wird ja immer komplizierter! Gefühlt entfernt sich die Lösung der Intervallfrage gerade mit jedem geradelten Kilometer. Angenervt trete ich weiter in die Pedale. Irgendwie geht mir der ganze Intervallkram sowieso schon immer gehörig auf den Zeiger. Ich war und bin der Lust und Laune Radfahrer, Läufer, Esser oder auch Beter. Deshalb habe ich in meinem Leben wahrscheinlich auch nie einen Marathon gewonnen, die Tour de France nur am Bildschirm verfolgt und den Eintritt in eine Ordensgemeinschaft anderen überlassen.
Verpasste Chancen? Nicht für mich. Ich würde es vielmehr als Gewinn an Lebensfreude bezeichnen. Als Gegengewicht zu all den Ordnungen, Regelungen und Verpflichtungen, die unseren Alltag prägen. Intervalltraining? Das können die anderen machen. Ich für meinen Teil radle genau so schnell, wie ich möchte. Und ob mein Morgengebet pünktlich um 9 oder erst um kurz vor 10 im Himmel eintrifft? Geschenkt! Ich glaube nicht, dass der liebe Gott eine Stechuhr im Einsatz hat.
Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

St. Otto, März 2025
„Mit dem Wind“...
… möchte ich aus gegebenem Anlass mal den alten Goethe zitiert: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …“ Endlich! War das ein Winter an der Ostsee! Zwei Monate mehr oder weniger durchgängig Temperaturen im Minusbereich. Viele Tage und Nächte herrschte sogar strenger Frost. Dazu ein steter, ohnehin schon eisiger Wind aus Nordost. Ich habe gefroren. Dauerhaft. Dabei stand das Rad seit Weihnachten im Hausflur, und Bewegung an der sehr frischen Luft beschränkte sich auf überlebensnotwendige Besuche im nahegelegenen Supermarkt.
Die Urlauber, die in Scharen auf der zugefrorene Ostsee flanieren wollten, hat die Kälte allerdings nicht abgeschreckt. Im Gegenteil: Der Jahresbeginn 2026 war auf Usedom der bestgebuchte seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahre – ja was weiß ich, welche Daten die Touristiker als Vergleichswert herangezogen haben! Auf alle Fälle ist man sehr zufrieden gewesen mit dem unerwarteten Gästeansturm. Und dem warmen Geldregen. Auch, wenn der sicher für die zu erwartende, exorbitante Heizkostennachzahlung draufgehen wird.
Und jetzt? Ganz ehrlich: Nach zwei Monaten Glätte und Eis vermisse ich das morgendliche Freikratzen der vereisten Autoscheiben, das Schlittern über ungestreute Gehwegabschnitte oder auch die Fahrten mit der UBB zur Arbeit, weil auf der Straße einfach gar nichts mehr ging. Irgendwie ist sie in den letzten Wochen tatsächlich zur Routine geworden, diese Entschleunigung bei jeder Art der Fortbewegung. Und auch den Blick nach oben, um mögliche Gefahren in Form dicker Eiszapfen oder Ästen, die unter ihrer Eislast zu brechen drohen, rechtzeitig zu erkennen, habe ich – trotz inzwischen frühlingshafter Temperaturen – noch nicht wieder völlig abgelegt.
Man gewöhnt sich an alles. So unrecht hat die alte Volksweisheit nicht. Während der erste Schneetag des Winters noch für Chaos auf den Straßen und hektische Katastrophenmeldungen oder – je nach Quelle – Weltuntergangsprognosen in den Medien sorgt, wird selbst ein ungewöhnlicher Eiswinter an der Ostsee nach einigen Wochen Alltag.
Aber jetzt plötzlich auf den Frühling einstellen? Die paar warmen Tage könnten ja ein hinterhältiges Täuschungsmanöver des launischen Wettergottes sein, um dem Winter die Chance für einen – nicht mehr erwarteten – Überraschungsangriff durch die Hintertür einzuräumen. Also lieber Vorsicht walten lassen, und Handschuhe, Wollsocken, Pudelmütze und die dicke Winterjacke weitertragen. Den Schweiß kann man ja gegebenenfalls abwischen.
So sind wir Menschen. Umstellung fällt uns schwer. Und das gilt auch für die flexibelsten Zeitgenossen unter uns. Wir brauchen unsere Routinen. Der eine mehr, der andere weniger. Sie geben uns Sicherheit und damit Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Wenn wir 50% unseres Lebens routiniert im Griff haben, dann bleiben immer noch die unkalkulierbaren restlichen 50%. Auf die können wir dann aber 100% unserer Kraft verwenden. Daher kommt auch unser – oft unbewusstes – Streben nach Routinen, Gewohnheiten und Berechenbarkeit. Je größer der „geregelte“ Teil unseres Lebens ist, desto entspannter können wir dem entgegensehen, was uns unerwartet dazwischenkommt.
Soweit die Theorie. In der Praxis sieht das ganz anders aus. Da haben wir uns gerade so richtig gemütlich in unserem routinierten Leben eingerichtet und dann kommt da irgendein ungeplanter Schicksalsschlag daher und stört die schöne Ruhe. Kein Problem, sollte man meinen. Dafür stehen doch die zusammengesparten 100% an Power zur Verfügung, die nur auf genau so einen Einsatz gewartet haben.
Leider sieht die Realität aber meist ganz anders aus. Je mehr wir unser Leben nämlich gut geregelt haben, desto unflexibler reagieren wir auf Ereignisse, die diese Ruhe unerwartet stören. So geben Gewohnheiten und Routinen zwar Sicherheit, machen aber auch unendlich träge. Einsatzbereitschaft? Power? Flexibilität? Verschwunden! Alles unter einer dicken Paste klebriger Selbstzufriedenheit begraben.
Und genau an der Stelle kommt jetzt unser Wetter ins Spiel. Das schüttelt so ein bisschen Lösungsmittel nämlich locker aus der nächsten Wolke. Ein plötzlicher Regenschauer, ein unerwarteter Wintereinbruch, Sonnenschein, obwohl doch Nebel vorhergesagt war oder ein Temperatursturz. Ganz zu schweigen, von plötzlich auftretenden Tornados oder anderen Wetterextremen – unser Wetter bleibt, allen Modellen und Prognosen zum Trotz, unberechenbar. Darüber mag man lamentieren, meckern oder jammern – ändern wird sich daran nichts.
Wenn sie mich fragen, ist das Wetter mit all seinen Kapriolen Gottes überaus effektiver Trägheits-Aufrüttler für uns. Er sorgt als „Wettergott“ dafür, dass wir immer wieder gefordert werden, flexibel zu reagieren. In der Sportwissenschaft würde man sagen: Gott setzt ganz gezielte Trainingsanreize.
Apropos Sport! Endlich wieder Wetter zum Radfahren und Joggen. Und bald darf auch wieder gerudert und gesegelt werden. Die Schlittschuhe dagegen werden erst mal eingemottet. Bis – ja bis der Wettergott der Meinung ist, wir brauchen mal wieder einen kleinen, unerwarteten Aufrüttler. Ich hoffe nur, er wartet damit bis zum Dezember. Weihnachten wäre nicht schlecht.
Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor

St. Otto, Februar 2026
„Mit dem Wind“...
… und dem Schicksal gehadert. Seit Wochen Glätte, Eis und Schnee, dazu noch der ein oder andere Winterinfekt und genau einmal auf dem Rad gesessen. Kein Wunder, dass ich mich seit Tagen in einer richtigen Miesepeterstimmung befinde.
Die Tatsache, dass unser beliebter und unglaublich aktiver Pfarrvikar Maciej Domanski St. Otto zum Ende des Monats verlässt, um eine große Pfarrei in seiner polnischen Heimat zu übernehmen, eignet sich auch nicht gerade als Stimmungsaufheller. Und dann befindet sich noch unser Pfarrer im Ruhestand, Reinhold Janiszewski, der immer zuverlässig die Werktaggottesdienste feiert, auf dem Absprung ins Seniorenheim in Stralsund. Da kann man doch nur schlechte Laune bekommen! Ersatz für die beiden? Wovon träumen Sie denn?
Ich weiß ja, dass wir hier im Haus St. Otto in den vergangenen Jahren mit Priestern vor Ort gut versorgt waren. Nur an den Sonntagen durften wir die merkwürdige Share-a-Priest-Situation, die in den neu entstandenen Großpfarreien gängige Praxis ist, erleben. Als Gottesdienstbesucher weiß man da nie, wer am Sonntag die Messe hält. Meist trifft der Zelebrant erst kurz vor knapp ein und ist Minuten, nachdem der letzte Ton des Schlusslieds verklungen ist, schon wieder auf dem Weg zum nächsten Einsatzort. Entsprechend lautet ein oft gehörter Satz unseres Propstes, wenn er mit wehenden Rockschößen durch die Tür der Sakristei enteilt: „Ich bin hier nur der Pfarrer!“
Vielleicht liegt es daran, dass ich gestern meinen Rollentrainer aufgebaut habe, um wenigstens zu Hause den ein oder anderen Kilometer auf dem Rad zurückzulegen. Zumindest ist mir plötzlich eine – wie ich finde – unschlagbare Idee zur Behebung des immer dramatischeren Priestermangels in Deutschland gekommen: Ich gründe in St. Otto die erste Zeitarbeitsagentur für Priester!
Wie das funktionieren soll? Ganz einfach: In Polen, Afrika und Asien gibt es, im Gegensatz zu Deutschland, noch jede Menge katholische Geistliche. Sogar junge! Die würden – also zumindest einige – bei entsprechender Entlohnung sicher gern als Arbeitsmigranten bei uns aushelfen. Wohnen könnten die Leihpriester als Priester-WG in unserer Pfarreiwohnung. Eigene Küche und Gemeinschaftsraum inklusive. Kicker, Tischtennisplatten, Strand vor der Tür und Glasfaseranschluss im Haus – auch für Unterhaltung in der Freizeit ist gesorgt.
Ja, und ich vermiete die Jungs dann für Eucharistiefeiern und zum Spenden der Sakramente anlassbezogen an unser Erzbistum: Heilige Messe 500 €, Taufe 250 €, Trauung 1000 € usw. Den Erlös teilen wir, und allen ist geholfen.
Sie meinen, die Sprachbarriere würde ein Hindernis darstellen? Da muss ich entschieden widersprechen. Zum einen kann die Predigt von einem ausgebildeten Laien, Pastoral- oder Gemeindereferenten übernommen werden. Zum anderen gibt es ja auch noch die ein oder andere gut entwickelte Übersetzungssoftware. Da geht einiges. KI sei Dank. Glauben Sie mir! Und schließlich ist die Liturgie der Katholischen Kirche international relativ einheitlich. Zumindest, was die wesentlichen Bestandteile betrifft. Die kleinen nationalen Besonderheiten werden den Leihpriestern in einem Crashkurs vermittelt. Und wer weiß: Vielleicht lässt sich das System ja ausbauen. So ein Miet-Monsignore oder Bischof wäre aber natürlich kostspieliger fürs Bistum …
Während das System an meinem Rollentrainer die Cooldown-Phase einleitet, kühlt sich auch mein heißgelaufenes Gedankenkarussell merklich ab. Vielleicht doch keine so gute Idee, mein systemischer Ansatz mit den Mietpriestern? Zumindest, wenn man sich die Aufgaben des Priesters ansieht, die man direkt oder indirekt aus der Bibel herauslesen kann.
Mir fällt da zum Beispiel sofort der gute Hirte ein, der als Synonym für Gott, aber auch für seine Stellvertreter auf Erden steht. Dieser Hirte kommt nicht nur bei seiner Herde vorbeigeschneit, um frisches Futter in die Krippe zu werfen. Im Gegenteil: Er kennt seine Schafe. Jedes einzelne. Er merkt, wenn es einem der Tiere schlechtgeht, und er sucht nach jedem Schaf, das sich verläuft. Der Hirte lebt bei und mit seinen Schafen. Er sorgt für seine kleine Gemeinschaft, ist für sie da und übernimmt Verantwortung.
Besser als Jesus mit seinen Gleichnissen – die Hirtensymbolik kommt übrigens auch schon im Alten Testament vor – könnte ich eine priesterliche Stellenbeschreibung gar nicht formulieren. Die katholische Kirche in Deutschland – und nicht nur die – geht da seit Jahren einen ganz anderen Weg. Sie muss sich allerdings fragen lassen, ob ihre Antworten auf den fortschreitenden Priestermangel die richtigen sind. Denkt man den aktuell praktizierten Ansatz nämlich konsequent weiter, dann stehen in unseren Kirchen in naher Zukunft vielleicht Hostienspender, die nach Eingabe und Überprüfung der persönlichen Daten eine geweihte Hostie auswerfen. Communio? Ein Hirt und eine Herde? Das war dann gestern. Ein gruseliger, geradezu apokalyptischer Gedanke.
Aber vielleicht gibt es gerade in der anstehenden Fastenzeit den ein oder anderen kontemplativen Moment, in dem genau Sie eine Erleuchtung haben, eine geniale Idee, wie wir das ganze Schlamassel in den Griff bekommen. Dann her damit! Ich für meinen Teil werde den Ansatz mit der Leihpriester-WG noch einmal gründlich überdenken. Vielleicht lässt sich da ja doch etwas optimieren.
Herzlichst
Ihr
Markus Constantin
Rektor




